Wochenschau 2018-30: Nach der Mondfinsternis

Lesezeit etwa 14 Minuten

Sexismusdebatte

Rollenspielprobleme?

Nach den Vorwürfen gegen den Ulisses Spieleverlag, hat sich nun eine neue heiße Debatte über das Thema Sexismus bei Rollenspielern ergeben. Auslöser war der Bericht einer Rollenspieleinsteigerin, die über Twitter nach Mitspielern suchte und bei der Betrachtung der Profile der Antwortenden auf sehr viele Kandidaten stieß, die wohl in ihrer Timeline äußerst abfällig und sexistische Kommentare platziert hatten. Ihre Erfahrungen hatte Anna in einem längeren Blogpost unter dem reißerischen Titel Hat die pen and paper Szene ein Problem? veröffentlicht. Der Beitrag wurde anschließend auf Facebook und Twitter (möglicherweise befeuert durch die Ulisses Schelte der Vorwochen) reichlich geteilt und noch intensiver von einer gespaltenen Community hundertfach kommentiert.

Ohne Annas Erfahrungen zu schmälern – und genau das ist es, was sie formuliert hat, einen subjektiven Erfahrungsbericht mit einem provokanten Titel –, muss man für eine bessere Würdigung feststellen, dass ihre Erfahrung auf Antworten männlicher Rollenspieler auf ihr Mitspielergesuch bei Twitter basieren, also ihre Stichprobe auf der ihre Erfahrung basiert sind

  • männliche Personen,
  • die einen Twitter Account haben,
  • ihren Post gelesen haben,
  • Rollenspieler sind und
  • aktuell eine (Dungeon Worlds) Spielrunde suchen

Es bedarf keiner großen Statistikkenntnisse um festzustellen, dass dies Menschenmenge nicht die “pen and paper Szene” widerspiegelt in der auch Menschen sind, die keinen Twitter Account haben oder ihr Mitspielergesuch nicht erhalten/gelesen haben oder aktuell kein Interesse an einer (Dungeon Worlds) Spielrunde haben (z.B. ich).

Oder noch anders formuliert: Hätten die Profile der Antwortenden anders ausgesehen, wenn sie nach Menschen gesucht hätte, die in ihrer Band mitmachen oder mit in den Biergarten kommen wollen? Also den Personenkreis einfach einmal verändert oder vergrößert hätte und nicht spezifisch Rollenspieler angesprochen hätte? Vermutlich nicht – oder doch?

Ich habe die Probe einmal anders gefahren und mir die Tweets und Profile einiger derjenigen auf Twitter angesehen, denen ich folge, genauer: männliche Rollenspieler. Unter allen Betrachteten (45 Kandidaten) habe ich exakt einen gefunden, bei dem ich regelmäßig Posts finde, die sexueller Natur sind, also knapp unter 2 %. Zugegeben, der Fairness halber müsste ich mir diejenigen ansehen, die mir folgen, was eine deutlich höhere Anzahl ergibt, doch dieser Aufwand war mir diese Diskussion nicht wert.

Ketzerisch: Möglicherweise liegt die schlechte Quote, die Anna mit ihrem offenen Gesuch erfahren durfte auch daran, dass sie eben jene Mitglieder der Szene angezogen hat, die (unter anderem) wegen eben genau dieser Einstellung keine andere Spielrunde haben …

Jens von Arkanil schreibt bezugnehmend auf Annas Blogbeitrag, dass die Rollenspielszene selbstverständlich ein Problem mit Sexismus hat und verweist berechtigterweise ebenso auf die Frage, wie groß das Problem wirklich ist und dass Facebook und Twitter nicht representativ sind. Sexismus ist ein Problem der Gesellschaft – wohl kaum spezifisch im Pen & Paper Rollenspiel.

Also, ich möchte Sexismus weder Kleinreden noch Bagatellisieren. Es ist Fakt, dass Rollenspieler vorwiegend männlicher Natur sind und es ist unbestritten Fakt, dass auch in der Rollenspielszene (aktuellen Schätzungen zufolge wohl rund 60 – 80.000 Spieler und Spielerinnen in Deutschland) selbstverständlich einige (statistisch relevante) dabei sind, die sich nicht benehmen können und ihre Probleme mit Frauen (oder Männern oder Andersgeschlechtlichen) haben und denen darf, nein, muss man gerne ordentlich auf die Finger hauen.

Ich konzipiere die Charaktere für meine Abenteuer seit geraumer Zeit genderbefreit. Es ist vollkommen irrelevant, ob es ein Arzt oder eine Ärztin, ein Soldat oder eine Soldatin ist. Aber ja, ich bevorzuge es (das habe ich jüngst auf der FeenCon auch wieder bestätigt gesehen), wenn ein männlicher Spieler einen Mann und eine Spielerin eine Frau gibt. Nicht nur aus immersiver Sicht funktioniert das einfach besser, bislang hatte ich niemanden am Tisch, der nicht im Verlaufe der Stunden mit seiner Rolle dann doch in sein eigenes Geschlecht zurückgefallen ist.

Auch spiele ich vorwiegend Cthulhu mit Abenteuern in den 1920er Jahren, oder Abenteuer in der viktorianischen Zeit. Die Rolle der Frau in jenen Zeiten stellt eine wahre Herausforderung dar, die kaum eine moderne Spielerin zufriedenstellen wird. Also weichen wir an diesem Punkt im Spiel vielfach von den historischen Gegebenheiten ab, wenngleich damit durchaus ein wenig des Flairs verloren geht.

Viele Rollenspiele sind klassische Fantasy Dungeoncrawler, bei denen es letztlich (nur) darum geht in irgendwelchen Verliesen auf Untote zu stoßen und diesen mit exotischen Waffen den Garaus zu machen. Wenn man dies nicht mag, dann hat man möglicherweise auch das falsche System oder Szenario zur Hand genommen und sollte sich eher ein investigatives Rollenspiel auswählen.

Von einem generellen “[Sexismus- oder Gewalt]problem in der pen and paper Szene“, das möglicherweise sogar über das normale (also durchschnittliche) Maß hinaus ginge (und als Norm nehme ich nicht einmal die Fankurve im Fußballstadium an), sind wir wahrlich weit entfernt.

Aber was weiß ich schon, ich bin ja schließlich ein männlicher Rollenspieler mit einem Twitter Account und dem Dungeon Worlds Regelwerk im Schrank …

4 Gedanken zu “Wochenschau 2018-30: Nach der Mondfinsternis”

      • Dann wäre noch interessiert, woher Christian diese Zahl hat – sie scheint mir recht hoch. Zumindest, wenn man voraussetzt, dass damit nur P&P-Rollenspieler gemeint sind, nimmt man noch alle LARPer dazu, könnte das eher hinkommen, aber da ist die Schnittmenge (wie auch mit Cosplayern und Reenactern) bei weitem nicht so groß, wie man meint…

        • Da bin ich ganz bei Dir und mich würde die Zahl auch einmal interessieren.

          Ich versuche es einmal selber abzuschätzen:

          Wenn man einmal die Besucherzahlen der RPC Germany als Basis nimmt, die da mit 30.000 abgeschätzt werden (vgl. Wikipedia, bzw. Games Wirtschaft), dazu hochrechnet, dass längst nicht jeder aktive Rollenspieler zu RPC fährt (ein Faktor 3 ist da meines Erachtens locker realistisch), kommt schon für die Gruppe der Rollenspieler, LARPer und Cosplayer in Summe gerne eine sechsstellige Zahl zustande.

          Andererseits, betrachtet man die Mitgliederzahlen in den Facebook Gruppen (die größte Gruppe ist m.W. Pen&Paper Rollenspiel mit ca. 13.500 Mitgliedern), kalkuliert auch hier wieder eine Dunkelziffer derjenigen, die nicht bei Facebook sind, oder irgendwelchen Gruppen bei Facebook anhängig sind, kommt man sicherlich auch hier bei einer konservativen Schätzung auf ca. 27.000 Rollenspieler (nur Pen&Paper).

          Gegenprobe bei LARP, hier finde ich eine Facebook Gruppe (LARP Flohmarkt) mit sage und schreibe 18.000 Mitgliedern und einer Zuwachsrate von 300 im vergangenen Monat. Natürlich gibt es zwischen diesen beiden Gruppen sicherlich auch Überschneidungen, aber für eine einfache Abschätzung nehme ich auch hier einmal den Faktor 2 (für Nicht-Facebookler und Gruppenverweigerer) an, also 36.000.

          Auf der Basis kann man tatsächlich auf 60.000 (oder wenn man mutig ist: 80.000) Rollenspieler, allerdings inkl. LARPer, kommen.

          Nachtrag zu den Facebook Schätzungen: Laut Facebook waren im September 2017 31 Mio Menschen dort registriert. In Deutschland sind laut Statistischem Bundesamt 2017 82,7 Mio Menschen verzeichnet. Ca. 11 Mio. sind unter 15 Jahre und damit (eigentlich) nicht auf Facebook aktiv. Weitere 17,5 Mio. sind jenseits 65 und vermutlich auch in weiten Teilen nicht auf Facebook unterwegs. (Quelle: Statistisches Bundesamt, allerdings Zahlen für 2016.) Bleiben also rund 54 Mio. potenzielle Nutzer von denen laut Facebook 31 Mio ein Facebook Konto/Profil haben (= 57%, bzw. Faktor 1,74).

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