Ein Mörder mit Alzheimer – Paul Cleave: Zerschnitten

Paul Cleaves Thriller gehören für mich seit seiner ersten Veröffentlichung zu einem Must-Read und werden immer mit Spannung erwartet und gleich am Erscheinungstag gekauft. Sein neuestes Werk trägt in Deutschland den Titel “Zerschnitten” und fand somit auch zuletzt seinen Weg in meine Hände. Paul Cleave bricht mit seiner Reihe rund um diverse Ermittler und Psychopathen in Christchurch und bringt einen eigenständigen Thriller hervor, der es in sich hat.

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Jerry Grey ist Autor, der unter dem Pseudonym Henry Cutter bereits 12 erfolgreiche Kriminalromane veröffentlicht hat, als man bei ihm im Alter von nicht einmal 50 Jahren Alzheimer diagnostiziert. Die Arbeiten an seinem dreizehnten Roman müssen durch einen Ghostwriter vollendet werden und Jerry findet sich in einem Pflegeheim wieder, denn die Krankheit hat sein Gedächtnis schneller zerfressen, als er erhofft hatte.

Doch damit nicht genug. Immer wieder gesteht Jerry dem Pflegepersonal Morde an Frauen begangen zu haben. Doch seine Geständnisse beziehen sich auf Morde, die er in seinem früheren Leben in seinen Romanen erdacht und beschrieben hatte. Mühsam und geduldig erläutert das Personal ihm immer wieder, dass er ein Schriftsteller ist und die Verbrechen alle aus seinen Romanen stammen. Doch Jerry erinnert sich auch an eine Tat, die in keinem seiner Bücher niedergeschrieben ist, doch das angebliche Opfer, eine Suzan mit Z, ist niemandem bekannt.

Nachdem Jerry Grey aus dem Pflegeheim ausgebrochen und rund 30 km in Christchurch entfernt aufgegriffen wurde, werden die Behörden doch noch einmal auf ihn aufmerksam, denn zur gleichen Zeit ist ein realer Mord an einer jungen Frau geschehen und der ehemalige Schriftsteller mit überraschender Vergangenheit gerät schnell ins Fadenkreuz der Ermittler.

Titel Zerschnitten
Autor Paul Cleave
OriginaltitelTrust No One
Verlag Heyne
Seiten 496
ISBN-10
ISBN-13
3453438558
9783453438552
Bestellen bei Amazonkommerzieller Link
Preis 9,99 €
Mich hat der Roman in einigen Punkten enttäuscht. Es dauert rund 140 Seiten, bis die Handlung in Bewegung kommt. Bis dahin wird ein stimmiges, doch gleichsam mühseliges Bild des Alzheimerpatienten aufgebaut. Dabei ist die parallele Beschreibungsweise von aktuellen Geschehnissen und dem rund ein Jahr zurückliegenden Protokoll des Wahnsinns, dass Jerry unmittelbar nach der Diagnose beginnt, ein schönes Stilmittel. Erst weitere 40 Seiten später bekommt der Roman dann richtig Schwung und hat mich dann gefesselt.

Vermutlich lag es auch an dem schleppenden Start, dass das Korrektorat besonders in diesem Bereich eher schlampig gearbeitet hat und man auch noch mit einer ganzen Reihe an Tippfehlern beglückt wird. Das Cover ist für die ersten hundert Seiten wohl bewusst rutschfest gestaltet worden.

Die Lektüre erinnerte mich ein wenig an den Roman Ich. Darf. Nicht. Schlafen. von S. J. Watson, der ein ähnliches Thema verwendet, allerdings nicht mit dem Paul Cleave üblichen schwarzen und sarkastischen Humor daher kommt. In Watsons Roman kämpft eine Frau gegen den täglichen Gedächtnisverlust an und erarbeitet sich mühsam Tag für Tag die Wahrheit.

Jerry Grey kommt sympathisch daher und wird trotz der unfreiwillig komischen Passagen eher bemitleidet. Sein “Kumpel” Hans hingegen wirkt mir zu platt und insbesondere zu dilettantisch für seine Rolle, was spätestens nach dem Verhör von Eric offensichtlich wird. Das Ende tut sich schwer. Längst ist dem Leser klar, was passiert ist, doch so recht hat Paul Cleave wohl keinen Abschluss für eine Aufklärung gefunden. Versöhnlich stimmt nur das letzte Kapitel des Buchs, das passend ein rundes, stimmiges Bild gibt.

Bereits mit Paul Cleaves letztem Roman, der 5-Minuten-Killer war zu bemerken, dass sich etwas verändert hat. Der Roman wirkte durchdachter und seriöser als die Vorgänger. Das hat sich bei Zerschnitten fortgesetzt. Interessant sind diverse Parallelen, die zwischen dem Protagonisten Jerry Grey und Paul Cleave bestehen, wie die Leidenschaft für das Renovieren alter Häuser. Steckt also noch mehr in der Figur? Wie viele Gemeinsamkeiten wirklich zwischen Grey und Cleave herrschen, hat der Autor in seinen Danksagungen aufgelistet.

Die Aufmachung ist gut, wenngleich ich wieder einmal den deutschen Titel “Zerschnitten” weder mit der Handlung noch dem englischsprachigen Original “Trust No One” (Vertraue niemandem) überein bringen kann. Von den knapp 500 Seiten entfallen abschließend 20 Seiten auf Werbung und Biographie.

Fazit

Daumenwertung 2 von 4
2 von 4
Gedächtnislücken

Zerschnitten von Paul Cleave ist ein solider Thriller, der durchaus stimmig daher kommt. Dennoch ist er mir insbesondere zu Beginn zu zäh. Nach rund zwei Dritteln des Buchs ist das Ende bereits klar, was der Spannung zu diesem Zeitpunkt jedoch nicht schadet. Wer eine Fortsetzung zu den bisherigen Thrillern von Paul Cleave erwartet, wird enttäuscht werden, wobei dies nach dem radikalen Beseitigen seiner Protagonisten in den vergangenen Werken auch schon eine besondere Herausforderung gewesen wäre. Insgesamt hatte ich mir deutlich mehr erhofft und bin mir sicher, dass der Roman, wenngleich er nicht schlecht, wohl jedoch – wenn auch sein Lieblingsbuch – das schwächste Werk von Paul Cleave ist.

Dieser Beitrag hat einen Kommentar

  1. Ralf

    Lieber Michael,
    toller Tipp.
    Vielen Dank,
    Ralf

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