aufgeschlagenes Buch

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Robert A. Heinlein: 2086 – Sturz in die Zukunft

Perry Nelson stürzt 1939 mit seinem Auto nach einem Ausweichmanöver eine Klippe hinab und kommt rund 150 Jahre später im Jahr 2086 wieder zu sich. Die attraktive Tänzerin Diana findet ihn, nimmt den im Schnee liegenden Mann bei sich auf und bringt ihm die Gesellschaft und das Leben in der neuen Zeit näher. Was klingt wie der Anfang eines möglicherweise spannenden Science-Fiction Zeitreiseromans, entwickelt sich dann doch zu etwas gänzlich Anderem.

2086 - Sturz in die Zukunft: Ein Science Fiction Roman von Robert A. Heinlein

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1939 schrieb Robert A. Heinlein, seinen ersten Roman unter dem Titel “For Us, the Living”, der allerdings zu Lebzeiten des Autors nicht veröffentlicht wurde. Seine späteren Werke hingegen erlangten teilweise erhebliche Beachtung und wurden wie im Falle von Starship Troopers sogar verfilmt. 2086 – Sturz in die Zukunft, so der deutsche Titel von “For Us, the Living: A Comedy of Customs” wird als Vorwerk zu zahlreichen Werken des Hugo-Award gewinners Heinlein gesehen. Viele Themen, die in späteren Science-Fiction Romanen des Autors aufgegriffen wurden, sind hier schon im Kern angelegt und erläutert worden. Wer hier allerdings einen spannenden, knallharten Zeitreisenthriller erwartet, wird vermutlich schwer enttäuscht werden.

Achtung! Spoileralarm!
Der Inhalt enthält Informationen, die entscheidende Elemente des Werks verraten können und ist daher standardmäßig ausgeblendet. Der spoilerhafte Inhalt kann hier eingeblendet werden.
Betrachtet man die Prognosen, die Heinlein in seinem Werk von vor 77 Jahren getätigt hat, so ist man überrascht, wie gut und modern doch einige seiner Visionen waren. Themen wie ein immer wieder gern diskutiertes bedingungsloses Grundeinkommen sind für die Menschen der Zukunft bereits Realität und die meisten Zwänge und Strukturen wie Kirche und Religion wurden längst über Bord geworfen. Das Leben in den USA der 2086er plätschert entspannt daher und hat teilweise ein Ambiente der Flower-Power Zeit. Ehen werden nicht institutionalisiert, Gerichte werden von Psychiatern abgehalten und Verstöße gegen die Sitten werden durch Gesprächstherapien oder auf Wunsch des “Täters” durch Verbannung behandelt.

Technologisch kommunizieren die Menschen über Videoschirme, die Häuser sind über ein Rohrpostsystem miteinander verbunden durch das Waren und Nachrichten zugestellt werden können. Die Fortbewegung erfolgt mittels Raketen, Flugautos oder innerhalb der Städte über mit unterschiedlichen Geschwindigkeiten verlaufende Rollbänder und Geschirr und Lebensmittelreste werden nach der Mahlzeit einfach ins Feuer geworfen. Zum Mond haben die Menschen es allerdings noch nicht geschafft.

Thematisch zeigt Heinlein einige sehr interessante Theorien auf, wie eine Gesellschaft und Wirtschaftssysteme sich entwickeln könnten.

  • Die Entscheidung über einen Krieg erfolgt per nicht-geheimer Volksabstimmung an der nur wehrtaugliche Personen teilnehmen dürfen und bei der Befürworter des Krieges auch sogleich eingezogen werden.
  • Jeder Bürger erhält vom Staat Geld ohne hierfür eine Gegenleistung erbringen zu müssen und kann damit problemlos auskommen. Dennoch gehen die meisten Menschen einer Beschäftigung nach und stocken so ihr Einkommen deutlich auf.

Europa ist nach einem zweiten Weltkrieg (der zum Zeitpunkt des Schreibens gerade erst bevor stand oder begonnen hat) in eine weitere langwährende kriegerische Auseinandersetzung geraten, nach der nur noch ein Zehntel der Bevölkerung übrig geblieben ist und der Kontinent um Jahrhunderte zurückgeworfen wurde und nur noch ein Landstrich von Bauern ohne globale Bedeutung ist. Nord- und Südamerika haben sich ein kurzes Scharmützel gegeben, nach dem man sich in den Vereinigten Staaten darauf besonnen hat, doch lieber in den eigenen Grenzen zu bleiben und sich ausschließlich um sich selbst zu kümmern.

In den rund 300 Seiten des Romans wird Perry von seiner Retterin über die Ereignisse der vergangenen anderthalb Jahrunderte aufgeklärt und in die aktuellen Sitten und Gebräuche eingeweiht. Natürlich ist Diana keine Geschichtsdozentin, so dass Perry sich immer wieder einmal Filmaufzeichnungen ansehen muss oder von entsprechenden Pädagogen unterrichtet wird.

Eine Bewertung des Romans fällt mir durchaus nicht leicht. Das Werk lässt sich gut und schnell lesen, wenngleich es eine (spannende) Handlung missen lässt. Der Auslöser der Zeitreise (Autounfall) wird bereits vollständig auf der ersten Seite abgehandelt und das Auftauchen eines “Zeitreisenden” wird von den Menschen der Zukunft (und dem unfreiwilligen Zeitreisenden selber) aufgenommen wie das Natürlichste der Welt. Während unsereins den Mann vermutlich ins nächstgelegene Sanatorium verfrachten würde, nimmt hier eine alleinstehende, attraktive, junge Frau den armen Mann wie einen schutzlosen Welpen bei sich auf.

Tatsächlich handelt es sich bei dem Werk mehr um eine Utopie, in der der politisch aktive Heinlein seine Vision politischer und gesellschaftlicher Strukturen vorstellt. Viele dieser Ideen waren zu seiner Zeit in der Politik nach den Wirtschaftskriesen heiß diskutiert, aber durch geschickte Propaganda in den Medien als kommunistische Auswüchse unterdrückt worden. Letzlich sind es aber Konzepte, die sich in einigen Punkten in den vergangenen 70 Jahren dann doch durchgesetzt haben. Alleine die Wirtschaftstheorie von Keynes, die 1939 noch ganz neu war, meine ich auf einer nicht unerheblichen Anzahl Seiten durch ein sehr plastisches Beispiel dargestellt zu sehen.

Titel 2086 - Sturz in die Zukunft
Autor Robert A. Heinlein
OriginaltitelFor Us, the Living: A Comedy of Customs
Verlag Mantikore Verlag
Seiten 328
ISBN-10
ISBN-13
394549351X
978-3945493519
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Preis 13,95 €
Da ich durchaus Moral- und Ethiktheorien aufgeschlossen gegenüber stehe, war das Werk für mich interessant. Auch zu lesen, wie sich ein Mensch vor 77 Jahren unsere Zukunft in 70 Jahren vorgestellt hat, hatte durchaus seinen Reiz, doch ein fehlender, spannender Handlungsrahmen bringt aus meiner Sicht einige Abstriche in der Bewertung mit sich.

Die ersten 200 Seiten waren durch die Erwartungshaltung auf einen spannenden Zeitreiseroman entsprechend mäßig, danach gewinnt die Handlung zwar nicht wirklich an Fahrt, doch immerhin war die Wirtschaftstheorie interessant. Woher der Wind weht, oder wie es zu diesem Werk kam, erfährt der Leser in einem äußerst ausführlichen und wirklich lesenswerten Nachwort. Verwirrend ist allerdings, dass im Vor- und Nachwort immer von einem Buch mit dem Titel “Das unvollendete Werk” die Rede ist, dass es sich dabei wohl um genau dieses Buch (das ja einen anderen Titel trägt) handelt, wird nicht so recht klar. Vermutlich war es ein Arbeitstitel, den man nicht mehr in den Texten korrigiert hat.

Daumenwertung 2 von 4
2 von 4
Talern

Fazit: Robert A. Heinleins Werk 2086 – Sturz in die Zukunft ist vermutlich nicht umsonst fast 80 Jahre in den Schubladen vergessen worden. Für Heinlein Fans bringt es durchaus einige interessante Einblicke in das Frühwerk und damit möglicherweise auch eine Abrundung im Gesamtwerk des Autors. Auch Gesellschafts- oder Wirtschaftswissenschaftler mögen hier einige interessante, vermutlich allerdings nicht mehr ganz neue Gedankengänge wiederfinden, doch als reine Unterhaltungslektüre ist es leider in Ermangelung einer Handlung eher schwach.

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