Die Geschichte vom Jaguar

Die Flucht

Meine erste Begeisterung wich jedoch, als ich der Ärmlichkeit der Ernter gewahr wurde. Als ich da Silva darauf ansprach, warum diese nur in Lumpen arbeiteten, wo sie sicher doch einen angemessenen Verdienst für ihre Arbeit erhielten, lachte dieser nur und erklärte, dass es sich um Sklaven handeln würde und diese gar nichts für ihre Arbeit bekämen, außer hier und da ein paar Peitschenhiebe. Und um seine Macht zu unterstreichen, nahm er seine Peitsche vom Gürtel und schwang diese nach einem hübschen Mädchen und hinterließ eine blutige Strieme auf ihrer Wange. Obgleich ich ein friedliebender Mensch bin, war mir diese Aktion doch zuviel und so warf ich mich mit einem lauten Aufschrei auf den Vorarbeiter. Trotzdem dass da Silva mindestens zwei Meter groß war und die Statur eines Preisboxers hatte, war es für mich ein leichtes ihn zu überwältigen und ihm das Grinsen aus dem Gesicht zu Prügeln.

Bereits nach vier, fünf Schlägen verlor er das Bewusstsein. Ich schnappte mir das Mädchen und rief den anderen zu sie sollten mir in den Dschungel folgen. Eine Stunde hasteten wir durch den Dschungel bevor wir wagten eine Pause einzulegen. Die Arbeiter erzählten, dass sie ursprünglich freie Bauern waren und ihr Geld mit dem Verkauf von Kautschuk verdient hätten, doch dann kamen die beiden Verbrecher Nunés und da Silva, und sie mussten fortan als Sklaven für sie arbeiten. Ihren Erklärungen entnahm ich, dass da Silva sehr jähzornig sei und ich mich daher auf einen langsamen und qualvollen Tod gefasst machen müsste, sollte er mich je erwischen. Die Arbeiter entschieden sich, mit ihren Familien wegzuziehen und an anderer Stelle weit weg von Nunés und seinen Halsabschneidern einen Neuanfang wagen zu wollen. Sie wünschten mir noch viel Glück und verschwanden im Dschungel.

Lediglich Leila, so hieß das Mädchen, dass da Silva aus einer Laune heraus verletzt hatte blieb bei mir, denn sie war eine Waise. So fassten wir den Plan, uns zum Fluss durchzuschlagen, dort ein Floss zu bauen und den Amazonas hinab nach Beném zu fahren. Die Vorsehung zeigte wieder einmal, dass man als erfahrener Abenteurer über unglaubliche Reflexe verfügt, den erst jetzt wurde mir gewahr, dass ich meine Flinte in den Händen hielt. Also machten Leila und ich uns auf den Weg Richtung Fluss. Es war mir seit Beginn meiner Reise schon aufgefallen, dass die Dämmerung hier im Amazonasgebiet, sehr plötzlich hereinbricht und so standen wir plötzlich in totaler Finsternis im Wald. Durch gezieltes Tasten schaffte ich einen passenden Lagerplatz und trockenes Feuerholz zu finden.

Innerhalb kürzester Zeit brannte das Feuer. Als wir so am Feuer saßen und in die Flammen schauten, zerriss ein heiseres Fauchen die Nacht und gleichzeitig spürte ich, wie Leila ihre Finger in meinem Arm krallte und leise “espírito” flüsterte. Ich schaute sie fragend an und folgte ihrem Blick, der wie gebannt in den Dschungel ging. Tatsächlich, dort waren zwei Punkte die wie dunkle Rubine glühten. Ohne ein Geräusch zu verursachen trat ein großes gelb schwarz geflecktes Ungetüm in den vom Feuer erhellten Bereich.

Der Jaguar

Das Tier schien keine Angst vor Feuer zu haben, ich tastete nach meiner Flinte, es duckte sich und setzte an über das Feuer zu springen.Da sich Leila in meinem linken Arm gekrallt hatte, blieb mir nichts anderes übrig, als meine Flinte nur mit dem rechten Arm anzulegen. In dem Moment in dem das Ungeheuer vom Boden abhob, hatte ich die Waffe im Anschlag, Leila kreischte und ich zog den Abzug durch, aber es machte nur “Klick”. Die Feuchtigkeit des Dschungel musste wohl das Pulver durchnässt haben. Ein schwerer Körper landete auf mir, das Tier musste wohl instinktiv in mir die größere Gefahr erkannt haben.

Mit dem linken Arm stieß ich das Mädchen ins nächste Gebüsch, während ich spürte wie sich scharfe Krallen durch das Hemd in meine Brust bohrten. Als ehemaliger studentischer Meister im griechisch-römischen Ringen, schlang ich meine Beine um die Mitte der großen Katze und katapultierte sie weg. Keine Sekunde zu früh, denn ich sah noch wie die mächtigen Reißzähne kurz vor meinem Gesicht zuschnappten. Der Schwung des weggeschleuderten Untiers half mir auf die Beine, wohingegen dieses mit wenig katzenhafter Eleganz auf dem Rücken landete. Kurz hatte ich die Hoffnung, dass das Monster einsehen müsste, sich mit einem Gegner angelegt zu haben, der ihm überlegen war und es sich in den nächtlichen Wald davon machen würde. Aber ein Blick in die Augen des Ungetüms zeigte nur pure Mordlust.  Also zog ich mein Messer und ging, solange die Katze sich ein weiteres Mal zum Sprung bereit machte, in die Hocke. Sie sprang und einen Sekundenbruchteil später sprang ich ebenfalls. Im Flug hielt ich mein Messer mit beiden Händen fest gepackt, die Klinge zeigte nach oben. Nachdem ich gelandet war und mich abgerollt hatte, sah ich mit einem Blick über meine Schulter, dass ich trotz Dunkelheit und flackerndem Feuer die Entfernung richtig abgeschätzt hatte. Hinter mir lag das Untier, mit aufgeschlitzter Unterseite, in seinem Blut. Aus dem Busch zu meiner linken hörte ich das leise Wimmern von Leila.

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