Rollenspielwürfel

Bild: © PantherMedia.net / Dirk Schönau (modifiziert)

Darf man das? – Moral und Ethik im Rollenspiel

Am vergangenen Wochenende war wieder meine heimische Rollenspielrunde zusammengekommen um nach einer gemütlichen Verköstigung am Grill 60 Jahre in die Zukunft zu reisen und sich als Shadowrunner in Seattle zu verdingen. Wir spielen nun schon seit fast anderthalb Jahren zusammen und üblicherweise stehen Abenteuer aus dem Call of Cthulhu Rollenspiel an. Doch aktuell gönnen wir uns eine kleine Pause und versuchen uns in Shadowrun 4. Begonnen hat dabei alles recht harmlos und wie bei Shadowrun üblich: Eine Mrs. Johnson (in diesem Fall tatsächlich eine weibliche Auftraggeberin) bat das Team um Unterstützung bei einer illegalen Operation. Ein erfolgreicher Hedgefonds Manager sollte zur Kooperation mit einem aufstrebenden Drogenkartell bewegt werden. Hierzu sollten die Runner im Leben des Bankers herumschnüffeln und etwas finden, mit dem er erpressbar ist. Doch der gute Mr. Goldman, so hieß der Manager, stellte sich schon bald als Spießbürger und treu ergebener Familienvater heraus, bei dem sich kein Ansatzpunkt für eine Erpressung ergab. Also mussten Beweise für eine Erpressung produziert werden. Insgesamt also kein ungewöhnliches Szenario für Shadowrun bei dem die Abenteuer nur selten im Rahmen der Legalität verlaufen.

Pädophilie im Spiel

Die vier Spieler (zwei Männer und zwei Frauen) kamen schnell überein, dass man das Opfer am besten mit kompromittierenden Handlungen für die Belange der Auftraggeber überzeugen könnte. Eine Affäre, ja, vielleicht sogar eine Affäre mit einem minderjährigen Mädchen, aufgezeichnet auf Trideo (Video), wäre sicherlich ein ideales Druckmittel gegen ihn. Also wurde der Plan geschwind in die Tat umgesetzt und mit einigen Drogen und etwas Magie war das Opfer schnell in die gewünschte Situation manövriert und eine der Spielerinnen schlüpfte unter Anwendung ihrer Adeptenfähigkeiten in die Rolle des “süßen Gifts”, das den armen Mann dann verführte.

Im Nachgang hat das doch noch zu einigen Überlegungen und Gesprächen geführt. Zum einen die Detailierung mit der die Verführung gespielt wurde, zum anderen aber auch das Thema der Pädophilie an und für sich. Wir sind eine Runde von erwachsenen Spielern, so dass jeder seine Grenzen kennt und Ü18 Themen nach 22 Uhr eigentlich keine besonderen Aufreger darstellen. Doch wohl war nicht nur mir als Spielleiter bei der Sache nicht wirklich. Doch vermutlich weniger der anrüchigen Szene als mehr des Themenblocks Verführung von und durch Minderjährige wegen.

Ja, das ist real, es passiert leider immer wieder. Wie viele Personen im eigenen Bekanntenkreis Opfer solcher Übergriffe sind, bzw. waren, ist erschreckend. In Film und Fernsehen ist der Aspekt fast schon ein Klassiker (vgl. Taxi Driver mit Robert de Niro und Jodie Foster) und dient für so manchen Streifen als Grundthema. Doch sollte man das dann dennoch wirklich zum Inhalt eines Spiels machen? Wie steht es um die, die vielleicht persönlich davon betroffen sind und für die ein solches Spiel auf einmal böse Erinnerungen wachrütteln?

Der Rassist

Auf einer Convention bin ich mit einem vorgefertigten Satz an Spielercharakteren für ein Cthulhu now Abenteuer als Spielleiter an den Start gegangen. Einer der Charaktere hatte vom Autor einen rechtsradikalen Touch versehen bekommen, nicht sehr ausgeprägt, aber immerhin mit erkennbaren Rassismus. Ich war dann doch überrascht, als ein Spieler mir diesen Charakter zurück gab und um einen anderen bat, weil er diese Figur aufgrund des Hintergrunds nicht spielen wollte. Letztlich war das für mich kein Problem, denn es gab ausreichend alternative Figuren und nachvollziehen konnte ich seinen Wunsch ebenso. Der Spieler hat also hier seine moralischen Einstellungen über das Spiel gestellt und sich nicht einmal für eine “Rolle” davon abbringen lassen.

In einem anderen Abenteuer meiner Heimrunde sollten die Spielercharaktere mit einer Gruppe nazionalsozialistischer Engländer im Jahre 1926 agieren. Für mich als Spielleiter eine äußerst große Herausforderung, denn das braune Gedankengut konnte sich nur schwer mit meinem Verstand vereinbaren. Die Dialoge, die ich als “Vertreter” der Organisation mit den Spielern führen durfte, gestalteten sich dann auch entsprechend holprig.

Rassismus ist auch im Rollenspiel nicht selten eine in den Charakteren enthaltene Motivation. Das Verhältnis zwischen den Wesen (zum Beispiel zwischen Elfen und Trollen bei Shadowrun) ist oft mit Spannungen versehen, die man als Außenstehender nicht wirklich durchdringt. Letztlich ist das Spiel, auch wenn es in einer Fantasy Welt stattfindet, ein Abbild unserer eigenen Zivilisation. Und da gehört dann auch eine gewisse Phobie dem, bzw. den Fremden gegenüber dazu. Und dies ist entsprechend in der Literatur und im Film nicht weniger selten zu finden.

Mord und Totschlag

Gewalt in jeder Form ist in den meisten Rollenspielern fester Bestandteil des Regelwerks. Gefühlt 70% der Regeln beschreiben wie gekämpft wird. Es gibt unzählige Tabellen, ja sogar eigenständige Waffenhandbücher in fast jedem Rollenspielsystem (Cthulhu Waffenhandbuch, Shadowrun Arsenal) deren Auflage nicht hoch genug sein kann. Tabletop Rollenspiele wie Warhammer und Co. beinhalten ausschließlich das Kampf-Element und sogar im LARP Umfeld ist kaum ein Gewandeter ohne Schwert oder prächtige Science Fiction Waffe unterwegs. So manch ein Rollenspieler findet sich auf einmal in einer Szene wieder, in der er aus purer Verzweiflung in die Rolle eines Folterknechts schlüpft um die nötigen Informationen aus dem unschuldigen NSC zu pressen.

Die Abenteuer sind alle auf klassischen Motiven basierend aufgebaut. Das eine System setzt dabei stärker auf Kampfaspekte als das andere. Und auch die Art und Weise, wie Spieler und Spielleiter agieren kann zu einem Run ohne eine einzige abgefeuerte Kugel führen, oder aber auch zu einer Straßenschlacht, bei der jeder Spieler in der Realität nur noch das Weite suchen würde.

Dabei ist das alles nicht neu. Bereits die Märchen der Gebrüder Grimm sind gespickt mit genau diesen ethisch und moralisch verwerflichen Handlungen. Da werden Hexen in den Ofen gestopft, Frauen in Türme eingesperrt, Kinder verkauft und vieles andere mehr.

Die anderen Spiele

Die Diskussion habe ich in meinem Leben oft mitbekommen. Am heißesten wird sie in Bezug auf Computerspiele geführt, denn der größte Teil der Computerspiele befasst sich mit kriegerischen oder kämpferischen Auseinandersetzungen, bei denen es zum Spielsieg dazu gehört den Gegner zu töten. Die Computerspieleindustrie macht sich dabei heute gar nicht mehr ansatzweise die Mühe dies zu verschleiern und eine Alterseinstufung unter 18 prädestiniert das Spiel als Ladenhüter.

Nur damit man dies nicht falsch versteht: Ich spiele selber gerne ab und an einen schönen Ego-Shooter, wenn sich die Gelegenheit ergibt auch einmal mit Freunden – und dies tue ich schon seit Doom I. Und nein, ich bin kein Amokläufer geworden, aber spiele Rollenspiele.

In der klassischen Brettspielszene hat sich das Bild allerdings etwas gewandelt. Aufgewachsen bin ich mit Spielen wie Monopoly und Risiko, die ganz klar auf die “Vernichtung” der Mitspieler aufgebaut haben. Derartige Spiele sind heutzutage kaum mehr unter den Neuerscheinungen zu finden und lassen sich wohl nur noch verkaufen, wenn sie ein Branding passend zu einem aktuellen Film haben. Bei einem Spiel der 2000er muss jeder Mitspieler bis zum Ende dabei bleiben können, teilweise handelt es sich auch um kooperative Spiele bei denen die Spieler gemeinsam gegen das Spiel spielen (Pandemie, Arkham Horror, Die verbotene Insel etc.) und gewinnen (oder verlieren). Pädagogisch wertvoll? Wie im wahren Leben?

Quintessenz?

Rollenspiele sind letztlich nur Abbildungen unserer eigenen Realität und unseres eigenen sozialen Umfelds. Spieler schlüpfen in Rollen (der Name der Spielegattung kommt ja nicht von ungefähr) und lassen Avatare agieren mit Handlungen, Fähigkeiten und Eigenschaften, die sie selber in der Regel nicht und nie besitzen werden. Dabei tun sie dies nicht zum reinen Selbstzweck, sondern es geht wie bei jedem Spiel letztlich auch darum, dass alle Mitspieler ihren Spaß und ihre Freude an der Sache haben. Dies gelingt nur, wenn kein Beteiligter persönlich oder in seinen Vorstellungen angegriffen oder gar verletzt wird. In einer fiktiven Welt mit anderen Werten und Normen eine durchaus nicht unbeachtliche Herausforderung und ein Spagat zwischen hier und dort. Was zusätzlich die Grenzen des guten Geschmacks betrifft, wie viel Authentizität einer Figur mitgegeben und ausgespielt wird, ist ebenso letztlich eine Frage des Fingerspitzengefühls.

Wer partout gegen Gewalt ist, wird bei den meisten Rollenspielen (und auch bei vielen Gesellschaftsspielen) nicht glücklich werden. Viele lassen sich unter Umgehung grober Gewalt realisieren, doch ausgeschlossen ist der Kampf mit den Würfeln nicht. Kampf und Gewalt sind im Rollenspiel seit über 40 Jahren ein fester Bestandteil und (wenn es nicht übertrieben wird) kaum ein Thema wert.

Aus meiner Sicht sollten Spieler und Spielleiter allerdings vermeiden die Sachen auszuspielen, die ihnen innerlich zuwider sind. Die inneren Konflikte verhindern eine glaubwürdige Umsetzung und bereiten letztlich keinem Beteiligten die Freude am Spiel, die er sich eigentlich von der Runde erhofft. Lieber bleiben Spieler und Spielleiter innerhalb der gewohnten, uns gemeinhin bekannten Konventionen, Werte und Normen, spielen kritische Themen nicht zu detailiert aus und überlassen das Böse den Bösen, dann kann der Held im strahlenderen Glanz aus dem Abenteuer hervorgehen.

1 Gedanke zu “Darf man das? – Moral und Ethik im Rollenspiel”

  1. Das Themenfeld ist ja so etwas wie ein Dauerbrenner.
    Hier hat mir gefallen wie unaufgeregt alles geschildert ist und wie durch die Aneinanderreihung der verschiedenen jeweils kurz(!) behandelten Einzelbeispiele ein weitgefasstes Gesamtbild gezeichnet wird, ohne gleichzeitig in einen unhandlichen Mammuttext auszuarten.
    Sehr angenehm zu lesen!

    Ich denke einmal, das Abspalten des “Auslösers” in den separaten Yuki-Beitrag hat dabei (gemeint ist die Unaufgeregtheit und Kürze) geholfen?

    (Ein paar schöne Beiträge zu Teilen des Komplexes hat zum Beispiel auch der allererste Karneval der Rollenspielblogs hervorgebracht.)

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