Baumstamm

Bild: © Hans Braxmeier / Pixabay (modifiziert)

Numenéra Abenteuer: Der Nimmer-Immer Baum

Lesezeit etwa 30 Minuten

Es sollte nur ein Spielbericht werden, doch dann wurde es etwas länger. Gespielt wurde eine Runde Numenérakommerzieller Link, dem Rollenspiel von Monte Cook. Die Idee zum Abenteuer hatte unser Spielleiter des Abends Stefan Günster. Bestritten wurde das Abenteuer dann von Simon A. Löfflad, aka Sal und mir.

Ofus Kuriositätenkabinett

Ein wenig mürrisch schritt Wako neben Tellmohr durch die Straßen der Stadt. Ein interessantes Ladenlokal habe er auf seinen Streifzügen entdeckt, hatte Tellmohr gesagt und allen Einwänden zum Trotz Wako dazu überredet ihn dorthin zu begleiten. Das, was er nun schon in den Auslagen an merkwürdigen Numenéra entdecken konnte, riss ihn nicht gleich vom Hocker.
Tellmohr stieß die Türe auf und ein paar Kugeln mit Nagetieren an der Decke vollführten in einer Abfolge von Drehungen und Pendeleien ein Läuten, dass dem Ladenbesitzer das Eintreten von Kundschaft signalisierte. ‘Ofus’ Kuriositätenkabinett’ schimpfte sich dieser Krämerladen und nach Wako’s Ansicht handelte es sich bei den feil gebotenen Waren weniger um Kuriositäten als um wertlosen Plunder.
Da der Krämer sich nicht blicken ließ, stöberten Tellmohr äußerst neugierig und Wako bestenfalls interessiert in den feil gebotenen Waren herum.
“Tand…”, murmelte Wako als er an einem Regal mit glänzenden Objekten vorbei schritt.
“Kann ich Ihnen behilflich sein?”, meldete sich der Krämer als er den Verkaufsraum betrat.
“Oh, ich bin auf der Suche nach einem Experten”, antwortete Tellmohr, “denn ich habe hier ein ungewöhnliches Ding, das sich mir nicht gänzlich erschließt. Es handelt sich dabei um ein flauschiges, weiches Objekt, das mich, wenn ich den Kopf darauf lege, in verschiedenen Sprachen träumen lässt.”
“Äußerst interessant”, antwortete der Verkäufer und drehte das Kissen hin und her um es näher zu betrachten. “Nun, auf Anhieb kann ich Ihnen auch nichts Näheres dazu sagen, doch wenn sie es ein paar Tage bei mir lassen, könnte ich versuchen eine genauere Untersuchung anzustellen.”
“Sehr gut”, freute sich Tellmohr.
“Ich bin übrigens Ofuskeu Okaph”, stellte sich der Krämer vor. “Man nennt mich aber auch einfach Ofus.”
“Sehr erfreut”, nickte ihm Tellmohr zu. “Ich bin Tellmohr Bulljen. Mein Freund dort drüben ist Waoquo Coklah, aber nennen sie ihn einfach Wako.”
“Ah, ich sehe, sie haben einige interessante Gegenstände gefunden?”, fragte Ofus an Eako gewandt.
Wako stopfte geschwind eine Handvoll Cypher zurück ins Regal und rieb sich die Hände ab, als seien diese durch Staub auf den Waren beschmutzt gewesen.
“Nutzloses und wertloses Zeug…”, grummelte Wako.
“Wir sind auf der Suche nach interessanten Artefakten”, meldete sich Tellmohr an den Krämer gewandt.
“Das habe ich mir fast gedacht”, antwortete dieser. “Nun, wenn ihnen meine Auslage nicht zusagt, ich hätte vielleicht etwas für sie, wenn sie einer kleinen Reise nicht abgeneigt wären.”
“Das klingt interessant, erzählen sie mehr.”
“Also”, sprach Ofus mit gesenkter Stimme weiter. “Ich habe von meinen Informanten von einigen möglicherweise sehr interessanten, unerforschten Orten erfahren, an denen es möglicherweise noch Schätze zu bergen gibt.”
“Fahren sie fort!”
“Zunächst wäre dort der Nimmer-Immer Baum in der Ferne, von diesem aus soll man auf einen großen Schatz blicken können. Dann habe ich noch von einer kleinen Pyramide im Süden erfahren. Diese ist auch noch nicht gänzlich erforscht worden. Und zuletzt habe ich auch noch vage Informationen über eine fliegende Festung, die in einer Schlucht im Nordwesten abgestürzt zu sein scheint.”
Mittlerweile war auch Wako hinzugetreten und spitzte seine Ohren.
“Ich könnte ihnen, sagen wir, 100 Shin bieten, wenn sie einen dieser Orte für mich besuchen, erkunden und mir einige dieser Schätze bringen. Natürlich können wir uns auch über das ein oder andere Objekt einig werden, das sie dann selber behalten möchten. Wie sieht es aus?”, fragte Orfus.
Wako und Tellmohr tauschten kurz einen Blick aus.
“Lassen sie uns das kurz untereinander klären”, bat Tellmohr und zog Wako durch die Ladentür ins Freie.

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“Das ist doch ein lukratives Angebot”, sprach er auf Wako ein.
“Shin interessieren mich nicht.”
“Hach, aber es sind unerforschte Orte! Wer weiß, was man dort alles finden könnte. Ich sag nur: unerforscht!”
“Da hast du allerding recht. So sei es denn.”, beschloss Wako.
Gemeinsam traten sie wieder in das Ladenlokal, wo der Krämer mit einem breiten Lächeln auf dem Gesicht auf sie gewartet hatte.
“Nun, die Herren, kommen wir ins Geschäft?”, fragte er dann auch gleich.
“Welches ist die jüngste Entdeckung?”, fragte Wako. “Wo sind die größten Chancen auf unangetastete Gegebenheiten?”
“Das ist dann wohl der Nimmer-Immer Baum im BA-ADENU Wald. Er ist drei bis vier Tagesmärsche von hier entfernt im Nord-Osten. Es soll sich um einen gewaltigen Baum handeln, der einen mächtigen Schatz birgt. Es ist ein Heiligtum, daher solltet ihr sehr vorsichtig vorgehen”, konkretisierte Orfu den Auftrag.
“Wie finden wir dorthin?”, wollte Tellmohr wissen.
“Ich habe hier ein… wo ist es doch gleich?”, sagte Orfu, während er in einer Kiste unter seiner Ladentheke kramte.
“Ah, hier ist es, ich wusste doch, dass es hier irgendwo lag”, sprach Orfu, während er ein merkwürdiges Kästchen präsentierte.
“Was soll das sein?”, meldete sich Wako zu Wort.
“Dies ist ein Weisungsgeber”, erklärte der Krämer. “Wie auch immer, das Gerät zeigt einem den direkten Weg zum Nimmer-Immer Baum. Seht her.”
Er wendete das Kästchen, drückte am Boden auf drei Knöpfe und schüttelte es ein wenig.
“Hmm… leider scheint es nicht sehr zuverlässig zu sein”, kommentierte er sein vorgehen und klopfte ein paar mal feste auf das Gehäuse.
Mit einem “Bliep” erwachte der Kasten zum Leben.
“Ah, es funktioniert”, strahlte Ofus. “Durch Druck auf die drei Tasten am Boden aktiviert ihr es. Sollte es einmal nicht sogleich funktionieren, haben bislang ein paar sanfte Stöße gegen das Kästchen Wunder gewirkt.”
Tellmohr nahm das merkwürdige Objekt in die Hand und drehte und wendete es.
“Und wie soll uns das den Weg zum Nimmer-Immer Baum weisen?”, fragte er mit einem Stirnrunzeln, als er erkannte, dass abgesehen von den drei Schaltern keine weiteren erkennbaren Elemente am Weisungsgeber zu finden waren.
“Wenn ihr euch dem Nimmer-Immer Baum nähert und den Kasten in die richtige Richtung haltet, schweigt das Gerät, ansonsten werdet ihr durch akustische Signale darauf aufmerksam gemacht.”
Tellmohr tat ein paar Schritte und richtete dabei den Kasten in seiner Hand in unterschiedliche Richtungen. Eine Reihe von gequälten Pieptönen aus dem Inneren führten ihn in die Nordöstliche Ecke des Lokals.
Wako erkundigte sich über den Weg durch den BA-ADENU Wald um möglichst viel über die Gegend zu erfahren. Allzu ungewöhnlich erschien ihm der Landstrich nicht zu sein, so dass sie mit ihrem leichten Expeditionsgepäck und Proviant für rund zwölf Tage bestens auskommen sollten.

Tellmohr und Wako verabschiedeten sich vom Krämer und suchten sich eine Herberge in der Stadt. Zu weit war der Tag schon vorangeschritten als dass sich ein Aufbruch noch am gleichen Tage gelohnt hätte. Wako erstand die Verpflegung für seine letzten 3 Shin, während Tellmohr aus seinem gut gefüllten Geldbeutel und zum großen Erstaunen von Wako die Herberge bezahlte.
“Woher…?”, fragte Wako.
“Das ist nicht wichtig!”, beantwortete Tellmohr die ungestellte Frage, deren Antwort sich Wako allerdings auch schon selber hätte geben können.
Wako kannte Tellmohr schon länger und hatte ihm auf einer Expedition einst im wahrsten Sinne den Kopf aus der Schlinge geholt, als dieser von ein paar aufgebrachten Teilnehmern beim Stehlen der Expeditionskasse beobachtet wurde und den örtlichen Gepflogenheiten am nächstbesten Baum sein Ende finden sollte.
Warum der Eigenbrödler Wako damals so forsch eingeschritten war um den Kleinkriminellen vor dem sicheren Tod zu bewahren, ist ihm bis heute ein Rätsel. Doch seither waren beide gemeinsam auf zahlreichen Expeditionen und immer auf der Suche nach besonderen Artefakten aus einer früheren Zeit – der eine aus reinem wissenschaftlichen Interesse und in der steten Hoffnung eine völlig einzigartige Hinterlassenschaft einer vergangenen Kultur zu entdecken, der andere in der nicht geringeren Hoffnung einen sagenhaften Schatz zu finden und für sich zu beanspruchen.

Auf, in die Ferne

Als die Sonne ihre ersten Strahlen über das Land schickte, war Wako bereits auf den Beinen und weckte Tellmohr eher unsanft, denn die Erzählungen über den Nimmer-Immer Baum hatten ein Kribbeln in Wako verursacht, das ihn nun antrieb.
Das Frühstück wurde mehr verschlungen als in Ruhe gekaut und so befanden sich die beiden bereits außerhalb der Stadt, bevor die Krämer ihre Marktstände aufgebaut hatten.
Der Weg in den Norden gestaltete sich als vergleichsweise gut ausgebaut und so erreichten die beiden Reisenden am späten Nachmittag bereits einen großen Strom. Zwei Flüsse vereinigten sich an dieser Stelle und genau hier hatte man eine gewagte Konstruktion errichtet, die einer sehr schwankenden Hängebrücke gleich die drei Landstriche entlang der Flüsse miteinander verband.
Tellmohr beäugte das Konstrukt äußerst skeptisch und prüfte eingehend die alten und von Wind und Wetter angegriffenen Halteseile. Lange schon, so schien es ihm, war hier ein Austausch überfällig, als von der Brücke her sein Name erschall.
“Tellmohr, wir haben nicht den ganzen Tag Zeit!”, rief Wako, der sich bereits auf halber Strecke zum gegenüberliegenden Ufer befand.
“Ich will erst sicherstellen… Ach, was solls!”, murmelte Tellmohr, schwang seinen Rucksack auf seinen Rücken und folgte Wako über den reißenden Fluss.

Auf der nördlichen Seite folgten sie weiter dem Richtungsgeber, als sie weiter östlich einer großen Staubwolke gewahr wurden. Ein einer Stampede gleiches Getrampel und Gestampfe war von dort zu vernehmen und machte den Eindruck, als käme es in ihre Richtung.
“Was ist das?”, fragte Tellmohr.
“Was sagt der Richtungsgeber?”, gab Wako zurück. “Liegt das auf unsere Weg?”
Tellmohr schwenkte den kleinen Kasten ein wenig in die Richtung der Staubwolke und machte ein paar Schritte darauf zu. Sofort quittierte das Gerät diese Bewegung mit einem quakenden Geräusch.
“Nein”, antwortete Tellmohr. “Das ist nicht unsere Richtung.”
“Gut, dann lass uns weitergehen”, entschied Wako und schritt weiter voran.
Tellmohr verstaute den Richtungsgeber wieder und folgte Wako, der sich mehr für eine Ruine zu interessieren schien, die geringfügig abseits ihres Weges am Horizont auftauchte.

Die Sonne sand ihre letzten Lichtstrahlen aus, als die beiden einen zusammengefallenen Turm erreichten.
“Ich denke, wir sollten hier unser Lager aufschlagen”, schlug Wako vor und Tellmohr widersprach ihm nicht.
“Doch zuvor möchte ich mich hier einmal umsehen”, entschied Wako, der ein gutes Gespür für interessante Orte besaß.
Das Innere des Turms war in ebenso schlechten Zustand, wie es von außen den Anschein gehabt hatte. Eine frühere Zivilisation hatte hier etwas errichtet, was sicherlich einst eine Verteidigungs- oder Beobachtungsanlage gewesen war. In der Mitte des Raumes war noch eine gut erhaltene Konsole zu erkennen. Eine Runde Erhebung obenauf war nahezu frei von Sand und Staub und enthielt einen merkwürdigen in die Oberfläche eingelassenen Handabdruck. Neben dem abgespreizten Daumen befanden sich Vertiefungen für drei Finger, die deutlich größer als die einer menschlichen Hand waren.

Während Tellmohr sich die Konsole näher betrachtete, vernahm er ein angestrengtes Stöhnen hinter sich. Wako stand hinter ihm mit verkrampftem Gesicht, eine Hand an die Stirn gelegt machte er den Eindruck eine Migräneattacke zu haben.
“Was ist mit euch?”, fragte Tellmohr. “Geht es euch nicht gut?”
Kurz darauf fiel Wako auf die Knie, stützte sich mit beiden Armen am Boden ab und hustete sich die Lunge aus dem Leib.
“Wako?”, rief Tellmohr, doch Wako winkte nur ab.
“Ich wusste, dass da etwas ist”, sagte Wako nach einer Weile. “Ich habe eine ganz klare Energiesignatur gesehen. Lass uns das Ding mal aufmachen.”
Schon machten sich die Beiden ans Werk und öffneten mit vereinten Kräften das Objekt in der Mitte des Raumes.
“Schau mal einer an!”, sagte Wako. “Das ist doch mal ein nützliches Ding.”
“Was ist das?”, fragte Tellmohr.
“Ein Adlerauge. Damit erblickt man den Horizont, als sei er gleich vor dir. Nützlich.”
Wako packte das Adlerauge zu seiner Ausrüstung und kramte die Rationen für den Abend aus seiner Tasche.
Müde vom langen Marsch an diesem Tag sanken beide in einen tiefen Schlaf in dem jeder seinen eigenen Vorstellungen von den Schätzen im Nimmer-Immer Baum nachging.

Moskitos

Zwei Tage später hatten Wako und Tellmohr den BA-ADENU Wald erreicht und erblickten in der Ferne einen außergewöhnlich hohen Baum, der deutlich zwischen den übrigen Bäumen heraus ragte. Der Richtungsweiser deutete ihren Weg unmittelbar auf diese gewaltige Pflanze hin, so dass sie davon ausgingen, dass es sich dabei wohl um den Nummer-Immer Baum handeln würde.
Wako holte das Adlerauge hervor und klemmte es sich vor sein eigenes Sehgerät. Es dauerte nicht lange, bis sein Blick wieder klar wurde und er den Baum unmittelbar vor sich sah. In der Krone des Baumes erschien ein nicht minder großes Nest, gebaut aus Ästen, Drähten und Synth-Platten, in deren Mitte sich ein Ei befand. An den weiter unten befindlichen Ästen zählte Wako zwei Dutzend schwarzer Kokons.
“Das muss er eindeutig sein”, erzählte Wako Tellmohr, als sie sich wieder auf den Weg machten.
Wako beschrieb, was er gesehen hatte und nutzte jede sich ihm bietende Gelegenheit um mit dem Adlerauge den Baum näher in Augenschein zu nehmen, bis sie dann am späten Nachmittag vor dem Nimmer-Immer Baum angelangt waren.

Für einen Aufstieg war es nun bereits zu spät. Wako schritt den Stamm ab und inspizierte den Boden unter dem größten Baum, den er je gesehen hatte, während Tellmohr nach einem geeigneten Nachtlager ausschau hielt. Ein Felsvorsprung an einer Quelle schien ihm dabei als geeignetste Stelle die Nach zu verbringen, wenngleich das Wasser der Quelle eine bräunlich-rote Färbung aufwies und wenig vertrauenserweckend schien.
Dennoch steckte Tellmohr kurzerhand einen Finger in das kühlende Nass, kostete und befand die Flüssigkeit für trinkbar und unbedenklich. So ließen sich beide nieder und bereiteten sich für die anstehende Klettertour vor.
Die Kokons an den Ästen waren von gewaltiger Größe und bereiteten den Beiden ein wenig Kopfzerbrechen. Dies waren ganz eindeutig keine Früchte des Baumes, sondern vielmehr Lebewesen, die sich dort niedergelassen hatten. Doch keiner der beiden Abenteurer hatte jemals zuvor solche Wesen geschaut.

“Wir sollten eine Nachtwache postieren”, schlug Tellmohr vor.
“Gut, dann mach das”, entschied Wako und zog die Decke über sich.
“Aber…”, protestierte Tellmohr, doch da war Wako auch schon abgedriftet ins Land der Träume.
Als die Dunkelheit den Wald übernommen hatte, vernahm Tellmohr leise Geräusche über sich. Das schwache Licht der Sterne über ihm erlaubte ihm einen schemenhaften Blick auf fast lautlos dahingleitende Wesen, die nun den Baum umkreisten. Tellmohr stand auf und ging im Schutz anderer Bäume näher heran und erkannte, dass die Kokons nicht mehr an den Ästen des Nimmer-Immer Baums hingen. Waren diese Flugwesen geschlüpft?
Gelegentlich flog eines dieser mannsgroßen Wesen so nah an Tellmohr vorbei, dass er einen guten Blick darauf werfen konnte.
Tellmohr hatte genug gesehen und schlich zurück zu ihrem Nachtlager. Es war an der Zeit Wako zu wecken um ihm von der Entdeckung zu berichten, aber auch um diesen nun die Nachtwache übernehmen zu lassen.
So leicht ließ sich Wako allerdings nicht wecken und erst nach einem beherzten Tritt kam dieser äußerst mürrisch und schlecht gelaunt zu sich.
Tellmohr berichtete von seiner Sichtung, woraufhin Wako hellwach war. Er kramte aus seinem Rucksack ein Buch hervor und blätterte darin herum. Tellmohr hielt die Fackel und schaute auf die Illustrationen, die Wesen zeigten, die ihm teilweise bekannt, vielfach allerdings völlig befremdlich erschienen.
“War es eines von diesen?”, fragte Wako.
“Ich bin mir nicht sicher”, antwortete Tellmohr und blätterte ein wenig in den Seiten herum.
“Hier, die da. Ich denke, das sind die Flugwesen, die da draußen um den Nimmer-Immer Baum herum fliegen”, sagte er schließlich und deutete auf die Zeichnung eines moskitoartigen Wesens.
“Ithnirin”, las Wako. “… während die einen sicher sind, dass es sich dabei um zu groß geratene Moskitos handelt, vertreten andere Experten die Meinung, dass es sich dabei um eine primitive Kultur handelt.”
“Sind die gefährlich?”, wollte Tellmohr wissen.
“Hmm… nachtaktiv… aggressiv bei Tag, dann allerdings äußerst schwerfällig bis unkoordiniert durch ausgehärtete Flügel”, las Wako weiter. “Wir haben also gut daran getan die Nacht hier zu ruhen und sollten einen Bogen um diese Mücken machen.”

Auf den Immer-Nimmer Baum

Tellmohr kroch unter seine Decke, während Wako in seinen Büchern blätterte um mehr über die Ithnirin in Erfahrung zu bringen. Kaum deutete sich allerdings der Sonnenaufgang an, hatte er seine Sachen wieder gepackt und beendete Tellmohrs Nachtruhe.
“Aufgestanden! Morgenstund hat Synth im Mund!”, trieb er seinen Begleiter an, der keinen Hehl daraus machte, dass er nicht genug Schlaf gehabt habe.
Als erfahrener Kletterer und dank der sehr groben Rinde des Nimmer-Immer Baumes gelang es den Beiden problemlos die Krone und damit das Nest des Baumes zu erreichen. Von den Kokons, der mittlerweile wieder schlafenden Ithnirin, hielten sie großzügigen Abstand. Keiner hatte Lust auf eine Auseinandersetzung mit einem übergroßen Moskito in luftiger Höhe.

Wako streckte als erster seinen Kopf über den Rand des Nests und fand das vor, was er mit dem Adlerauge bereits gesehen hatte. Aus der Nähe betrachtet, wurde ihm allerdings schnell bewusst, dass es sich bei dem großen Ei nicht um ein organisches Objekt handelte, sondern ein künstlich geschaffenes Ding aus einem steinartigen Material.
“Wow, das muss aber mal eine Vogelmama sein”, kommentierte Tellmohr den Fund, als sich selber über den Rand in das Nest schwang.
“Das ist nicht tierischen Ursprungs”, korrigierte Wako ihn. “Schau her, diese Riefen hier sind eindeutig Spuren der mechanischen Bearbeitung. Dieses ‘Ei’, dieser eiförmige Obelisk ist ein künstlich geschaffenes Objekt.”
Während Wako seine Kletterausrüstung aufnahm und seine Blick über die Weiten des BA-ADENU Waldes schweifen lief, klopfte Tellmohr neugierig das Ei ab. An einer hohlen Stelle klappte ein Tastenfeld heraus. Keine der Tasten war mit Schriftzeichen versehen, die Tellmohr kannte.
“Oh, schaut mal”, kommentierte Tellmohr seinen Fund und drückte wahllos auf mehrere Tasten und erzeugte so eine dissonante Melodie.
“Was machst Du…”, wollte Wako Tellmohr einhalt gebieten, als dieser mit einem Mal vor seinen Augen im Bode verschwand.

Drei Statuen im Thronsaal
Bild: © Sal

Tellmohr fand sich nach einer kurzen Rutschpartie im Inneren des Immer-Nimmer Baumes wieder. Das spärliche Licht von über ihm umherirrenden grünlichen Leuchtkugeln erlaubte ihm nicht das Innere näher in Augenschein zu nehmen, so dass er eine seiner Fackeln herauszog und entzündete. Hinter ihm war das Ende der Rutsche, durch die er in diese Kammer gelandet war. Zwei weitere Gänge zweigten zu seiner Linken ab, doch viel imposanter und interessanter erschien ihm der Thron, der ihm gegenüber stand und auf dem eine Statue mit grünlicher Haut saß und missmutig auf Tellmohr hinab blickte.
Neben dem Thron waren zwei weitere Wesen zu erkennen, die ebenfalls mit grünlicher Haut, allerdings von wurzelartigen Strukturen an der Wand fixiert wurden.

“Tellmohr!”, rief Wako erbost. “Was hast Du wieder angestellt?”
Er stapfte an die Stelle, an der zuvor sein Reisegefährte gestanden hatte und stampfte auf den Boden herum.
“Tellmohr! Komm da sofort wieder raus!”
Leise konnte er Tellmohrs Stimme aus dem Inneren des Baumes vernehmen: “Ich habe hier was gefunden, kommt herunter.”
“Tellmohr! Mach die Luke…”, empörte sich Wako mit einem letzten, festen Tritt auf den Boden, als diese sich nun ebenfalls öffnete und Wako ins Innere des Baumes beförderte. Wako rutschte die Rampe hinab und riss unten angekommen den verdutzt dreinschauenden Tellmohr um, der sich nun neuerlich am Boden wiederfand.

Nachdem sich die Beiden aufgerappelt und gerichtet hatten, nahmen sie das Innere des Raumes näher in Augenschein. Sie waren definitiv im Inneren eines Baumes. Die Wände waren aus gewachsenem Holz, nicht minder grob wie die Rinde des Stammes außen gewesen war. Wie Glühwürmchen umkreisten die kleinen Leuchtkugeln den aus dem Boden gewachsenen Thron, auf dem die grünliche Statue saß. In den Händen hielt die Statue zwei golden glänzende Objekte, die besonders Tellmohr sogleich in ihren Bann gezogen hatten.
Das eine Objekt war eine goldene Kugel mit Edelsteinen geschmückt und an der oberen Seite ragte ein ebenfalls goldener Baum heraus. Die andere Hand hielt einen dicken, goldenen Stab, der nicht minder mit Edelsteinen verziert zu sein schien.
“Die nehm ich mit!”, sagte Tellmohr und ergriff sofort die beiden prächtigen Schätze.
“Bist du wahnsinnig?”, rief Wako ihm hinterher.
“Nein, aber reich!”, antwortete Tellmohr nicht ohne ein breites Grinsen auf dem Gesicht und warf die beiden schweren Schätze mehrfach in die Luft um sie sogleich wieder aufzufangen.
Mit einem Beherzten Griff schnappte Wako sich die Kugel mit dem Baum aus der Luft um diese näher zu betrachten.
“He!”, rief ihm Tellmohr seines Schatzes beraubt hinterher.
Wako drehte und wendete die Kugel in alle Richtungen.

Das Goldbäumchen
Bild: © Sal

“Das ist ja interessant”, sagte er, “es scheint so, als sei das gewachsen. Keine Nahtstelle, nichts. Auch die Steine sind fest mit dem Gold verbunden, so als seien sie direkt aus der Kugel entsprungen.”
“Au!”, riefen beide zugleich und betrachteten beide ihre Handflächen, nachdem sie einen kleinen Stich dort verspürt hatten. Ein kleiner Blutstropfen quoll aus der Handfläche hervor. Doch weder Tellmohr, noch Wako konnten an ihrem Objekt einen Dorn erkennen, der ihnen diese Verletzung hätte beibringen können.
Wako gab Tellmohr die Kugel mit dem Bäumchen zurück, der diese zusammen mit dem anderen Schatz in seinen Rucksack unterbrachte.
Wako betrachtete sich die beiden Figuren an der Wand. Sie wirkten lebensecht, waren nackt und erschlossen sich ihm nicht auf Anhieb. So riss es sich von deren Anblick los und drängte darauf das Innere des Nimmer-Immer Baumes weiter zu erforschen.
Einer der beiden Durchgänge führte zu einer Wendeltreppe, der die beiden nun nach unten folgten. Die Treppe endete abrupt vor einer kreisrunden Öffnung im Boden.

Sie waren auf dem kuppelförmigen, gewachsenen Dach einer weiteren Kammer angekommen. Durch die Öffnung im Boden blickten sie auf den zehn bis fünfzehn Meter tieferliegenden Boden auf dem in der Mitte ein gelbliches Ei mit Kabeln und Schläuchen zu sehen war.
“Was ist das?”, fragte Wako und rollte bereits sein Seil ab.
Das Holz erlaubte eine leichte Fixierung des Seils, so dass Tellmohr und Wako problemlos in die nächste Ebene hinabklettern konnten.
Aus der Nähe betrachtet, konnte Wako erkennen, dass das eiförmige Objekt funktionsunfähig war. Das Glas war gerissen und an einer Stelle herausgebrochen und legten den Blick auf das Innere frei. Platinen und noch mehr Kabel und Schläuche waren sichtbar.
“Schade, es ist wohl kaputt”, sagte Wako. “Mir scheint, das war wohl mal eine Art Brüter oder Frühchenstation für eine halbmechanische Spezies gewesen. Es wäre interessant zu wissen, was das für eine Spezies war. Aber so hat das keinen Wert. Das ist nur Tinnef.”
“Oh, immerhin Tinnef? Sonst bezeichnet ihr sowas nur als Schrott!”, bemerkte Tellmohr und begutachtete die goldleuchtenden Tropfen an der Decke.
“Geht es hier irgendwo weiter?”, wollte Wako derweil wissen.
“Ja, da drüben ist eine Tür in der Wand. Dahinter plätschert es, geht wohl ins Bachreich des Baumes”
“Ja und? Was stehst du noch hier rum?”, fragte Wako fordernd.
Widerwillig den Blick von den verlockenden Tropfen an der Decke lassend, wand sich Tellmohr der Tür zu.
“Die Pforte ist verschlossen”, kommentierte Tellmohr und kramte bereits in seiner Manteltasche nach einem spitzen, metallenen Gegenstand.
“Das haben wir gleich”, sagte er und machte sich am Schloss zu schaffen.
“Verdammt!”, sprach Tellmohr, als ihm sein Metallhaken im Schloss verklemmte und sich nicht mehr bewegen ließ.
“Hast du kein geeigneteres Werkzeug dabei?”, knurrte Wako.
Wako zog ein Stemmeisen heraus und setzte es an die Tür an. Gemeinsam stemmten sie sich dagegen und die Tür glitt geräuschlos zur Seite um den dahinterliegenden Gang freizugeben.

Der Gang dahinter wurde durch einen Lichtschein erleuchtet und führte abermals in einen gewachsenen Kuppelraum. Zwei große Statuen aus Stein breiteten in der Mitte des Raumes ihre Arme über ein Becken mit Wasser aus. Im unruhig plätschernden Wasser spiegelte sich der Sternenhimmel, der die Decke des Raumes überzog.
Sowohl Wako wie auch Tellmohr waren angesichts dieses Nachthimmels fasziniert.
“Faszinierend!”, stellte Wako fest. “Das hat große Ähnlichkeit zu unserem Nachthimmel. Nur der Mond ist etwas zu nah und das Sternbild Orsa ist an der falschen Stelle und um 30° gedreht. Ah, und dort, Iperia ist auch viel zu klein dargestellt. Mir scheint, das ist der Sternenhimmel, wie er in einem anderen Zeitalter zu sehen war.”
“Älter, als wir hier drin sind, bestimmt.”, ergänzte Tellmohr.
Wako betrachtete Tellmohr streng: “Wie gesagt, Tautologien kommentiere ich nicht.”
“Seitdem verwende ich auch keine Taus…, Tautoso…”, versuchte sich Tellmohr zu rechtfertigen.
“Im Brunnen liegt etwas”, stellte Wako nach einem Blick in den Brunnen fest.
“Tellmohr?”, sprach er seinen etwas abgelenkt wirkenden Partner an.
“Wie? Was?”, reagierte dieser auf die Ansprache.
“Am Grund des Brunnens liegt etwas.”
Tellmohr erblickte nun ebenfalls das glänzende Objekt im schweflig riechenden Wasser. Es lag allerdings zu tief im Brunnen, als dass er es mit seinem Arm hätte erreichen können.
“Worauf wartest Du noch?”, fragte Wako ungeduldig.
“Vorsicht ist die Mutter der Shin-Kasse!”, antwortete Tellmohr und steckte zunächst prüfend einen Finger in das Wasser.
Nachdem er das Wasser zwar als stinkend, jedoch nicht gefährlich erkannt hatte, sprang er behende über den Rand und tauchte hinab. Als er das glänzende Objekt erreichte, spürte er einen starken Sog, der ihn fasste, immer tiefer zog und plötzlich in einen trockenen Gang ausspuckte.

Trocken, als sei nichts gewesen, betrachtete sich Tellmohr die Umgebung, in der er sich nun befand. Neben sich glitzerte die Wand, als sei sie aus Wasser. Ein Kraftfeld schien die Flüssigkeit zurückzuhalten. Tellmohr streckte fasziniert und neugierig seine Hand aus um das Kraftfeld und das Wasser dahinter zu berühren. Just in dem Moment, als sein Finger das Feld durchstieß, wurde er von einer Kraft gepackt und durch das Feld zurück in das Wasser gezogen. Nach einigen Tauchzügen durchbrach er die Oberfläche, wo Wako bereits ungeduldig auf ihn wartete.
“Und?”, fragte dieser. “Hast Du das Objekt?”
“Nein.”, antwortete Tellmohr wahrheitsgemäß.
“Na dann, zurück!”, ordnete Wako an.
Wie befohlen wendete Tellmohr und tauchte erneut hinab in die Fluten und wurde wie zuvor von dem Sog auf die andere Seite des Kraftfeldes gezogen.
Überzeugt davon, dass in dem Wasser überhaupt kein Objekt gelegen hatte, rief Tellmohr: “Kommt nach!” und schritt den Gang entlang.
Lilafarbene Kristalle glänzten von der Decke und wurden größer, je weiter sich der Gang bis hin zu einer großen Kammer öffnete. Der Boden war hier mit einem moosartigen Bewuchs bedeckt aus dem grüne Pilze mit gelben Punkten heraus ragten, die Tellmohr bis zur Schulter reichten.

Wako wartete eine Weile. Luftblasen stiegen durch das Wasser empor und zerplatzten an der Oberfläche. Die Zeit verging und Wako wurde zunehmend unruhig. Als er sicher war, dass mit Tellmohr etwas passiert sein musste, sprang er in den Brunnen und tauchte hinab. Von Tellmohr war keine Spur, dafür erfasste ihn plötzlich ein Sog und zog ihn durch das Kraftfeld in einen Gang.
“Da seid ihr ja endlich!”, begrüßte ihn Tellmohr, der bereits eine weitere Fackel aus seinem Rucksack gezogen und entzündet hatte. “Seht euch das an.”
Zusammen folgten sie dem Verlauf des Gangs hin zu den Pilzen. Im Schein der Fackel waren Sporen erkennbar, die um die Pilze flogen. Wenn Tellmohr mit seiner Fackel den Sporen zu nah kam, entzündeten sich diese mit gleißendem Licht und jedes mal schien die Temperatur in der Höhle anzusteigen.
“Pass doch auf!”, warnte Wako ihn. “Halte dich von den Pilzen fern!”
“Wir müssen das tun!”, antwortete Tellmohr.
“Was müssen wir tun?”, fragte Wako eher beiläufig und betrachtete die Sporen genauer.
“Die sind ölig”, stellte er fest. “Damit kleben die recht gut und brennen noch besser.”
“Wir müssen sie verbrennen.”, beantwortete Tellmohr seine Frage.
“Wer sagt das?”
“Das habt ihr doch gehört! Die Stimme…”
“Tellmohr? Geht es dir gut? Hast du Fieber?”, erkundigte sich Wako und legte eine Hand auf Tellmohrs Stirn.
Tellmohr stieß ihn jedoch zur Seite und setzte an mit seiner Fackel auf die Pilze loszustürmen. Geistesgegenwärtig reagierte Wako, blockte Tellmohrs Fackel ab und riss den Wahnsinnigen zurück in Richtung des Kraftfeldes.
“Hier ist keine Stimme!”
“Ihr hört mal wieder nicht zu!”, protestierte Tellmohr.
“Ich höre keine Stimme und hier ist auch keine Stimme oder jemand anderes als wir beide!”, erwiderte Wako während ihm dämmerte, dass hier etwas nicht mit rechten Dingen zuging. Mit einem Griff an seinen Gürtel aktivierte er eine kleine Scheibe, die sich surrend in Bewegung setzte und um sie herum ein Schutzfeld erzeugte. Sobald das Schutzfeld aufgebaut war, vernahmen sie keine Geräusche mehr, nur ihr eigenes Schnaufen nach dem kurzen Gerangel war zu hören.
Tellmohr schaute auf: “Es ist weg…”
“Was ist weg?”, wollte Wako wissen.
“Die Stimme! Sie sagte ‘Komm zu mir und verbrenn die Pilze!’”, erläuterte Tellmohr.
“Hier war keine Stimme, das hast du dir nur eingebildet. Seit wann hast du sie denn gehört?”
“Das erste mal habe ich sie in der Höhle mit dem Ei vernommen.”
“Das war eine Illusion!”, erklärte ihm Wako.
“Das glaube ich mittlerweile auch. Wir sollten umkehren.”
Wako blickte auf den Cypher an seinem Gürtel. Er blinkte grün.
“Noch hält das Schutzfeld. Wir sind nicht so weit gegangen um mit leeren Händen umzukehren.”
“Gut”, sagte Tellmohr, “aber dann nehmt ihr besser die Fackeln.”
Vorsichtig, um nicht zu viele der Sporen oder gar einen der Pilze zu entzünden, schritten die Beiden durch die große Grotte.

Raus hier

Nach einiger Zeit in der sie immer tiefer in den Baum vordrangen, gelangten sie in eine weitere gewaltige hohe Kammer. Aus den Wänden entsprangen drei wasserführende Kanäle, die sich in der Mitte trafen. Dahinter, an der Wand, hing ein noch nie gesehenes Wesen. Es maß mindestens drei Mann in der Höhe, hatte vier Arme und dazu noch eine große Zahl an Tentakeln und starrte sie aus milchig, toten Augen an. Die Arme des Wesens hatte man mit Schellen an die Wand fixiert.
Wako schritt näher an das Wesen heran um es genauer zu untersuchen. Der Körper steckte in einem gräulich gefärbten Brustpanzer und im pikförmigen Kopf war eine große Narbe erkennbar. Jemand hatte dem Wesen etwas aus dem Schädel herausoperiert.

“Wako…”, meldete sich Tellmohr.
“Was ist?”
“Ich glaube, einer der Finger hat sich soeben bewegt”, sagte Tellmohr und deutete auf einen der an die Wand fixierten Arme.
Nun sah Wako es auch, tatsächlich lebte dieses Wesen wohl noch. Tellmohr ließ seine Unterarmklinge vorschnellen und stürmte auf das Wesen an der Wand zu und rammte ihn das Messer durch die Hand.
In diesem Moment zersprang der Cypher an Wakos Gürtel, der das Schutzfeld aufrecht hielt und tausend Stücke.
“Verdammt!”, kommentierte Wako die Kurzlebigkeit der Relikte.
“Wie könnt ihr es wagen?”, dröhnte eine tiefe Stimme durch den ganzen Raum und ließ den Boden erbeben.
“Wie könnt ihr es wagen, Sterbliche, mich zu verletzen?”, donnerte die Stimme weiter.
Blut floss Wako aus der Nase, bei Tellmohr ebenso und beide plagte ein jäh einsetzender Kopfschmerz, der bei jedem Wort des Wesens wie ein Hammerschlag auf ihre Schädel explodierte.
Wako war sofort klar, dies konnte nur ein psionischer Effekt sein.
“Das ist nicht gut!”
“Raus hier!”, rief Wako und schubste Tellmohr zurück in den Gang, aus dem sie gekommen waren.
Wako zielte mit seinem rechten Arm auf das Wesen, aktivierte sein an einem Armband fixiertes Cypher und löste damit eine Schwerkraftsdetonation aus. Ein dunkler Blitz löste sich und fuhr auf das Wesen an der Wand zu. Ein lautes Poltern und Krachen von Holz erhob sich. Der Boden erhob sich und senkte sich sogleich wieder ab. Tellmohr und Wako wurden zu Boden gerissen.
“Los, los! Raus hier!”, rief Wako als er sich wieder aufgerafft hatte.
Die Beiden rannten den Gang zurück, durch den Pilzwald und hechteten durch das Kraftfeld in den Brunnen. Tellmohr half Wako über den Rand des Brunnens, als die goldenen Tropfen von der Decke um sie herum auf den Boden stürzten und zerplatzen.
“Weiter!”, trieb Wako Tellmohr an.

Erst als Beide wieder in der Kammer mit dem zerbrochenen Brüter angelangt waren, hatte sich die Lage wieder stabilisiert und sie konnten sich eine kurze Verschnaufpause gönnen.
“Hörst du…”, fragte Wako japsend, “hörst du noch die Stimme?”
“Nein”, entgegnete Tellmohr nach einer kurzen Pause des Lauschens.
“Gut.”
Tellmohr und Wako kletterten am Seil hinauf zurück in den Thronsaal. Der Boden vibrierte nicht mehr und es fielen auch keine Objekte von der Decke auf sie herab.
“Was nun?”, fragte Tellmohr.
“Da ist noch ein Gang…”
“Ach, was solls! Los!”

Der Immer-Nimmer Baum
Bild: © Sal

So durchschritten die Beiden den zweiten Gang, der von der Kammer aus abging und kamen in eine düstere, niedrige Grotte, die von einem gehauenen Stein in der Mitte dominiert wurde. Der Stein erinnerte an eine Grabplatte, die von drei Bäumen, bzw. dem Wurzelwerk von drei Bäumen umgeben war.
Wako betrachtete sich die Inschrift des Steins, konnte allerdings die Schrift nicht entziffern. Am Stein selber war jedoch noch ein Kette fixiert. Als er an der Kette zog, kam eine Metallscheibe an ihrem anderen Ende zum Vorschein.
“Was ist das?”, wollte Tellmohr wissen.
Wako betrachtete das Objekt genauer, entschied dann allerdings: “Das ist Schrott.”
Tellmohr nahm das Objekt in die Hand. Drehte und wendete es und entschied: “Ich nehm das mit. Ich weiß zwar nicht, was es ist, aber vielleicht kann man das ja zu Shin machen.”
Kopfschüttelnd und ein wenig enttäuscht wieder einmal kein bemerkenswertes Artefakt gefunden zu haben, machte sich Wako auf den Weg zurück.

Sie kletterten die Rutsche hinauf, wagten vom Nest in der Krone des Immer-Nimmer Baumes noch einmal einen Rundblick und stellten fest, dass die Dämmerung bereits eingesetzt hatte. Unterhalb des Baumes lagen eine größere Zahl an dunklen Objekten. Die Kokons der Ithnirin, bzw. die Ithnirin selber waren von den Ästen des Immer-Nimmer Baumes gestürzt.
“Oh,”, sagte Tellmohr, “ich bin mir nicht socher, ob wir die kaputt gemacht haben.”
“Wer, wenn nicht Du?”, kommentierte Wako und kletterte bereits hinab.
Am Boden konnten sie feststellen, dass die Ithnirin alle tot waren. Wako verstaute seine Kletterausrüstung und schnallte sich seinen Rucksack auf den Rücken. Als er losziehen wollte, bemerkte er, wie Tellmohr sich an einigen der Ithnirin zu schaffen machte und ihnen die Flügel abtrennte.
“Was machst Du da?”, fragte er Tellmohr.
“Wer weiß, vielleicht kann man damit ja was machen oder irgendwer zahlt mir eine hübsche Summe dafür.”
Kopfschüttelnd marschierte Wako voraus.

Credits

Idee: Stefan “The Nathan Grey” Günster

Skizzen: Simon “Sal” A. Löffland

Text: Michael L. Jaegers

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