Michelangelo

Bild: © PublicDomainPictures / Pixabay (modifiziert)

Den Gottesdienst schwänzen – Gott und ich

Mein Verhältnis zur Religion ist gespalten. Ich habe meinen katholischen Grundwehrdienst an einem von einem Orden geführten Gymnasium abgeleistet und erinnere mich gerne an diese Zeit zurück. Die Patres (Ordensbrüder) waren sehr weltoffen und bei Weitem nicht so streng und versteinert in ihrem Glauben, wie es zu der Zeit gemeinhin gerne kolportiert wurde. Rückblickend war ich auch zu diesen Zeiten schon skeptisch und zweifelnd, aber auch unschlüssig. Ich habe freiwillig im wöchentlichen Schulgottesdienst als Messdiener agiert oder auch die Lesung vorgenommen. Ehrlich gesagt, waren dies Aktivitäten, die den Gottesdienst für mich interessanter und abwechslungsreicher gestaltet haben – ein Überzeugungstäter war ich ganz sicherlich nicht.

Auf der anderen Seite habe ich aber auch das ein oder andere Mal den Gottesdienst geschwänzt. Wir Jungs sind auf dem Weg in die Kapelle kurz vorher noch einmal auf die nahe gelegene Toilette unterhalb der Kapelle gegangen, um dann ganz klassisch durch ein Fenster auszubüxen. Die Geschichte mit dem Fenster und durch den Klostergarten war mir ehrlich gesagt viel zu kompliziert, so dass ich dann lieber den direkten Weg an der Kapelle vorbei gewählt habe, wenn gerade keiner aufgepasst hat.

Getroffen hat man sich dann auf dem Gelände einer in der Nähe befindlichen, nicht länger genutzten Grundschule, um dort mit einem Tennisball gegen eine Wand zu kicken. Das war bei Weitem spannender als so manch ein Gottesdienst. Gut, wenn es schon ein „Dienst“ ist, dann ist die Wahrscheinlichkeit, dass diese Pflicht auch noch Spaß bereitet, von sich aus nur überschaubar.

Natürlich hatten die Lehrer irgendwann einmal die Spur aufgenommen und nur Dank eines schmiere stehenden Mitschülers konnten wir unbehelligt entkommen. Doch was, wenn uns der Lehrer gefasst hätte? Er hätte unseren Tennisball einkassiert und uns rund gemacht. „Was denkt ihr euch eigentlich? Ihr schwänzt den Gottesdienst, verlasst das Schulgelände und kickt hier rum. Was glaubt ihr, würde Gott dazu sagen?“

Ich sehe mich also, am rechten Ohr von meinem Lehrer durch die Himmelspforte geschleift werden. Wir schreiten über den weiten Pfad hin zu einem imposanten Palast. Nun ja, er schreitet. Ich versuche einfach nur mit möglichst wenig Schmerzen an meinem Knorpelgewächs neben ihm her zu eilen. Links und rechts des Weges stehen große, schick zurecht geschnittene Platanen und werfen angenehmen Schatten auf das Pflaster aus großen Steinplatten. Das ist auch wichtig, denn über den Wolken gibt es nur einen azurblauen Himmel und die Sonne strahlt ungehindert prächtig hernieder. Wahrscheinlich ist irgendwo ein Springbrunnen. Ich höre sein Plätschern, aber durch die unnatürliche Kopfhaltung habe ich keine Chance ihn in Augenschein zu nehmen, bevor wir also die zahlreichen Stufen hinauf zum Portal steigen. Das Portal ist gewaltig. Ich habe ja schon einige Kirchenportale gesehen, aber dieses hier schlägt alle um Längen. Gut, dies ist ja auch nicht nur das Haus Gottes, es ist sein Palast. Da ist es ja schon verständlich, dass es noch etwas gewaltiger und imposanter ist, als bei uns auf der Erde.

Drinnen ist es kühl. Eine sehr angenehme Tatsache, da mein Ohr im Kontrast dazu zu glühen scheint. Wahrscheinlich leuchtet es auch noch rot wie eine Ampel. Glücklicherweise hat mein Lehrer mein Ohr nun wieder freigegeben und während ich durch sanftes Reiben versuche den Schmerz zu lindern, vernehme ich, wie er um eine kurzfristige Audienz bei IHM bittet. Natürlich werden wir sofort vorgelassen, denn mein Lehrer hat einen guten Draht zu Gott und der Vorfall ist dringend.

Da stehen wir also nun vor IHM. In einer Halle mit Ausmaßen, die Menschen üblicherweise für ein ganzes Stadion vorsehen. Ob die Akustik hier gut ist? Unsere Schritte auf dem glänzenden, schwarzen Marmorboden kann ich von überall her zurückschallen hören – trotz Ohrenschmerzen! Und nach einer gefühlten Ewigkeit des Durchschreitens dieser altehrwürdigen Halle stehen wir nun endlich vor IHM. ER hat eine beige, lange Robe an – oder ist es eine Kutte? So genau kann ich es nicht erkennen, denn sein buschiger, langer, weißer Bart verdeckt einen Großteil seines Körpers.

Als ER uns gewahr wird, reicht er seinem Sekretärengel ein in Leder gebundenes Buch, dass von seiner Größe und seinem Gewicht her ausreichen sollte, um mich zu erschlagen – und zwar schon dann, wenn ich versuchen sollte es auch nur zu halten. Aber Gott und sein Engel tragen es mit einer Leichtigkeit, wie ich sonst nur ein Schulheft hätte tragen können.

„Nun“, spricht Gott mit eine sonoren, tiefen Stimme, nachdem er sich kurz geräuspert hat und ich das Gefühl dabei hatte, dass der Boden unter meinen Füßen vibriert. „Was führt euch zu mir?“

„Verzeiht mir, Herr“, berichtet mein Lehrer, „dass wir Euch in dieser Angelegenheit so früh am Tag bereits stören! Doch dieser ungezogene Knabe, Michael, hat vorhin zusammen mit einigen seiner Klassenkameraden den Schulgottesdienst geschwänzt um Fußball zu spielen.“

„Ist dem so?“, fragt Gott und sieht mich dabei streng an.

Natürlich habe ich irgendwo ein schlechtes Gewissen und einen Kloß im Hals. Mal ehrlich, wer das erste Mal von Angesicht zu Angesicht vor Gott steht, der kommt sich nicht nur durch seine riesige Erscheinung und tiefe Stimme wie ein Zwerg vor – vor allem, wenn man noch ein Kind ist.

„Ja“, vermag ich also nur kleinlaut und stotternd mit gesenktem Blick von mir zu geben.

„Und dies ist dann das corpus delicti?“, richtet Gott seine Frag an meinen Lehrer wobei er auf den Tennisball in dessen Hand zeigt.

„Ja, Herr! Ich habe das Beweisstück gleich konfisziert und mitgebracht“, ereifert sich mein Lehrer und streckt Gott die gelbe, etwas verdreckte Filzkugel hin.

Gott nimmt sich den pelzigen Ball und dreht ihn einige Male in seiner Hand hin und her. In seiner Hand wirkt der Tennisball nicht viel größer als eine Murmel. Ob Gott schon einmal darüber nachgedacht hat Basketball zu spielen? Falls ja, möchte ich auf jedem Fall in seinem Team spielen!

Langsam, immer noch den Ball in seiner Hand haltend wendet ER sich mir zu. Ich bin mir sicher, dass nun das Urteil gefällt wird und irgendwie habe ich nun Angst. Ja, ich bereue es, heute den anderen Jungs aus dem Fenster gefolgt zu sein um den Gottesdienst zu schwänzen. Ich will es auch nie wieder tun, ehrlich!

„Man muss schon ziemlich klein sein, um damit Fußball spielen zu können, oder?“

„Bitte?“, fragt mein Lehrer, der offensichtlich etwas anderes erwartet und auch nicht viel mehr verstanden hat als ich.

Gott wuschelt mir durch meine Haare und reicht mir den Ball zurück, der nun sehr schwer in meinen Händen liegt.

„Klettert nicht mehr durch das Fenster, ok? Und bleibt auf dem Schulhof, damit ihr nicht noch von einem Auto überfahren werdet“, spricht Gott mit erhobenem Zeigefinger und einem zwinkernden Auge an mich gerichtet.

„Wie…?“, stammelt mein Lehrer völlig entgeistert neben mir.

Ich blicke auf den Ball in meinen Händen, der sich längst nicht mehr wie ein Tennisball anfühlt. Statt eines abgenutzten, gelben Flaums umhüllt ihn nun ein schwarz-weißes Fleckenmuster und er ist mindestens so groß wie mein Kopf.

„So, und nun beeilt euch, sonst verpasst ihr noch die nächste Unterrichtsstunde!“, verabschiedet uns Gott.

„Aber…!“, versucht es mein Lehrer noch einmal.

Auf dem Weg nach draußen prelle ich den Ball einige Male auf den Boden. Laut schallt das Echo von den Wänden zurück. Der Klang ist definitiv besser als in einem Stadion!

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